Buchbesprechnungen Süd- und Südostasien
201
SÜD- UND SÜDOSTASIEN
Donald M. Stadtner
Sacred Sites of Burma. Myth and Fol
klore in an Evolving Spiritual Realm
Bangkok: River Books, 2011.
ISBN: 978-974-9863-60-2.
348 Seiten, 482 Abbildungen, 12 Karten.
„Sacred Sites of Burma“ ist ein kürzlich erschienenes
Buch von Donald M. Stadmer, das sich äußerst detailliert
mit der sakralen Landschaft Myanmars auseinandersetzt.
Stadtner, der an der University of California (Berkeley)
in Indischer Kunst promoviert hat und lange Zeit an der
University ofTexas als Professor tätig war, hat zahlreiche
Werke über die Künste Indiens und Myanmars publiziert
und gilt als Experte auf diesem Gebiet.
Burma, das heute offiziell Myanmar heißt, wird stark
vom 'Iheravada, also der ältesten noch existierenden
Schultradition des Buddhismus, geprägt. Diese tief grei
fende Verwurzelung har nicht nur eine einschneidende
Wirkung auf alle Lebensbereiche der rund 55 Mio. Ein
wohner, sondern auch auf deren physische Umgebung:
das Land besitzt unzählige heilige Stätten, die laut Buch
einband zu den schönsten und spektakulärsten in Asien
gehören und massenhaft sowohl Gläubige als auch Tou
risten anziehen. Neben einer umfangreichen Auflistung
und Beschreibung der bekanntesten Bauwerke und Orte
fragt Stadtner auch danach, welche Faktoren für deren
(dauerhaften) „Erfolg“ von Bedeutung sind.
Das Buch leitet demnach mit einer generellen Einfüh
rung in „das Leben“ heiliger Stätten in Burma ein, wel
che deren Aufkommen, Bestehen oder Vergehen auch
aus theoretischer Perspektive beleuchtet und zu erklären
versucht. Verheißungsvoll sei dabei eine Kombination
aus einer direkten Verbindung zum historischen Buddha
Siddhartha Gautama, dessen Reliquien sowie zu (erdach
ten oder tatsächlichen) legendären Königen. Reliquien,
die prinzipiell eine Vielzahl unterschiedlicher Objekte
umfassen können, würden erst durch die „Inkraftset
zung“ durch einen Herrscher aktiv (S. 19) - dieser Um
stand erkläre auch neuere Projekte, wie beispielsweise die
Renovierung von Pagoden in Bagan durch die ehemalige
Militärregierung, da auf diese Weise politisch motivierte
Inszenierungen und Identifizierungen mit historischen
Königen möglich würden (S. 68).
Weiterhin seien die mit den jeweiligen Stätten verknüpf
ten Mythen, die ihr Entstehen und den Ursprung der
in ihnen bewahrten, heiligen Reliquien erklären und
legitimieren, relevant. Interessant ist in diesem Zusam
menhang, dass häufig zwei zu unterscheidende Ebenen
der Geschichtsschreibung zustande kommen: zum einen
die der sagenhaften Erzählungen und zum anderen die
der fundierten Informationen (S. 214). Mit den Legen
den können auch die heiligen Stätte selbst wie aus dem
Nichts auftauchen und wieder verschwinden, sich weiter
entwickeln und mit anderen Orten und Geschichten in
Zusammenhang gebracht werden; dies würde auch ihre
sich stets verändernde Anzahl erläutern.
Kurz zusammengefasst kommt Stadtner in Bezug auf die
Frage nach der „Essenz“ sakraler Bauten und Figuren zu
folgender Hauptthese: “A sacred site, above all, must ins-
pire people to believe that their most heartful prayers and
precious material donations will advance their ongoing
needs in this life and even sometimes into the next. A
successful site must therefore embody power, hope, and
sanctity, in equal measure. These critical qualities come
into play only if the sacred sire is hallowed by tradition
and endorsed by the community” (S. 17).
In den folgenden sieben Kapiteln werden die im gan
zen Land verstreuten Stätten nach Regionen unterteilt
vorgestellt, wobei Stadtner grob einer geographischen
Ausrichtung von Süden nach Norden folgt: zunächst die
einstige Hauptstadt Yangon, die bis heute das wirtschaft
liche und kulturelle Zentrum des Staates darstellt, sowie
das Gebiet des ehemaligen Mon-Reiches; dann den Ay-
eyarwaddy-Fluss hinauf über Prome, Magwe, Pagan und
Ava bis nach Amarapura, Mandalay und Mingun. All
diesen Gegenden werden heute hauptsächlich von den
die Mehrheit bildenden buddhistischen Bamar besiedelt
und geprägt.
Myanmar besitzt allerdings rund 130 verschiedene eth
nische Gruppen, wobei die Minderheiten vor allem
die Grenzregionen des Staates bevölkern. In religiöser
Hinsicht bekennen sich offiziell über 90 Prozent der
Einwohner zum Buddhismus, doch auch andere Religi
onen sowie der lokale Glaube an die Nat-Geister sind
lebendig und sichtbar. Um auf diese Vielfalt zumindest
hinzuweisen, werden die bedeutendsten Bauwerke der
muslimischen, hinduistischen, jüdischen und christli
chen Minderheiten in Yangon vorgestellt und den Shan
im Osten des Landes sowie den Rhakine im Westen zwei
kürzere Kapitel gewidmet. Zudem greift Stadtner die
Debatten um die Einflüsse der Mon und der Pyu auf die
dominierenden Bamar auf (z.B. in Bezug auf Bagan auf
S. 214-218).