152
G . Bancalari : Das ländliche Wohnhaus der Schwaben und Bayern etc .
Das ländliche Wohnhaus der Schwaben und Bayern
zwischen Donauescliingen und Regensburg .
Eine volkskundliche Studie von G . Bancalari ( Linz a . D . ) .
Im September 1893 bin ich die etwa 350 km , von dem Punkte , wo die beiden Quellbäche „ dieBrigach und die Brege die Donau zuwege“ bringen , bis Regensburg gewandert . Wenige Leute thun das . Das Gebiet der obersten Donau ist kein Touristengebiet . Es ist eine stille Gegend . Der einst weit bedeutendere Verkehr hat seit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes andere Wege geschlagen . Auf der ganzen Strecke kommen als regere Orte nur Ulm , Ingolstadt , Kehlheim und Regensburg in Betracht ; aber gerade die kleinen , geruhsamen bischen Städtchen Tuttlingen , Sigmaringen , Munder - kingen , Ehingen , Gundelfingen , Lauingen , Dillingen u . s . w . sind überaus traulich und ansprechend . Bei Ingolstadt locken Solnhofen und der malerische Bischofssitz städt , hei Ulm das merkwürdige Blaubeuren , bei lingen das herrlich gelegene Beuron zu längerem weilen . Weithin schleicht am Fufse der schwäbischen Alp die Donau mit kleinem Gefälle , in mannigfacher Windung zwischen den Felsen des Juradurchbruchs hin und bietet eine Reihe unvergefslicher Bilder . Endlich zwischen Neustadt und Kehlheim betritt man klassischen Boden , trifft man Römerstrafsen , den römischen Grenzwall und die mächtigen Römerschanzen bei Kehlheim . Bei Eining lockt das kleine deutsche Pompeji , das frisch gegrabene Kastell Abusina . Dazu kommt die fesselnde Beobachtung der Gegensätze schwäbischen und bajuva - rischen Wesens westlich und östlich des Lech , und schliefslich habe ich mich um die Haustypen auf dieser ganzen Strecke gekümmert . Der Weg ist streckenweise etwas eintönig ; die Gesamterinnerung aber ist schön .
In diesem ganzen Bereiche giebt es einen fast beschränkt herrschenden Typus des Bauernhauses . Ich sah ihn schon in Tfohren , bei Donaueschingen , ehe ich noch zwei Stunden auf dem Wege mich befunden . Die Gegend heifst „ die Baar“ und ich nenne daher das Haus der oberen Donau einstweilen den Baartypus . Solche geographische Namen sind unverfänglich . Sie sind etwas Unbestreitbares ; sie greifen einstweilen der weiteren Forschung nicht vor . Sie wollen nichts besagen , als dafs ich das Haus eben an diesem oder jenem Orte zuerst beobachtet . Wäre ich von Osten nach Westen gewandert , so hätte ich wahrscheinlich den Namen Kelilheimer Typus gewählt . Viele andere Hausforscher hätten ohne weiteres von einem „ schwäbischen Hause“ gesprochen , weil ihnen der nationale Charakter der Typenunterschiede eine ausgemachte Sache scheint . Dies ist bei mir nicht der Fall . Ich gehe nationalen Benennungen vorerst aus dem Wege , oder ich gebrauche sie nicht ohne „ “ , was einem fortgesetzten Proteste gleichkommt .
Fig . 1 zeigt den Grundrifs eines typischen Hauses , Fig . 2 die Ansicht eines anderen , älteren , Fig . 3 jene eines baumeisterlich erneuten , alle von Pfohren . Eine sehr einfache , aber zweckmäfsige Aneinanderreihung der Gehöftselemente nach einer Axe ist der leitende Gedanke . Der Wohntract folgt natürlich dem „ oberdeutschen“ Bildungsgesetze : Flur und daneben links oder rechts Stube und Kammer . Im modernisierten Hause mit seinem Obergeschosse ist ebenerdig ( Fig . 3 ) ein schuppen an die Stelle der Stube und Kammer treten , während die Wolinräume ins Obergeschofs verlegt und in städtischer , untypischer Weise gegliedert und eingerichtet worden sind . An den Wohntract reiht sich dann Stall und Tenne , wofür aber das Wort „ Tenne“
nicht gebräuchlich ist . Man nennt den Raum „ Scheuer“ . Das Wesentliche ist bei dieser Anreihung nicht gerade , ob der Stall oder ob die Scheuer zunächst dem Wohn - tracte zu liegen komme , sondern eine solche Anordnung , dafs das geerntete Heu aus den in die Scheuer eingefahrenen Erntewagen unmittelbar auf die Decke des Stalles abgeladen , oder besser gesagt hinaufgeworfen werden kann . In gröfseren Wirtschaften , wie Fig . 1 , giebt es zuweilen zwei Scheuern , und die Ställe sind rechts und links von denselben angeordnet , wie in Fig . 3 .
Die Räume oberhalb der Ställe lieifsen „ Heuställe“ . Oberhalb dieser , im Dachraum , sind dann Bretter gelegt , auf welche Stroh und Getreide aufgelegt wird . Dieser Raum heifst „ die Obat n“ , worin das sonst verlassene und vergessene Wort „ Tenne“ steckt . „ Obat n“ bedeutet eben : Obertenne . Noch höher ist durch eine , auf den horizontalen Verbindungsbalken der Dach - Gesperre ein weiterer Bretterhoden angebracht , welcher „ auf n Krech“ heifst . Bei Sigmaringen wieder kennt man den Namen Tenne . Die „ Obat n“ heifst dort „ die Lege“ , und statt Heustall sagen sie dort „ Heuboden“ .
Der Zweck dieser Hauseinteilung scheint sächlich im Warmhalten des Stalles zu beruhen , und zwar durch Aufhäufung von Heu über der Bretterdecke der Ställe . Ein Nebenvorteil besteht in der bequemen Versorgung des Viehs durch hinabgeworfene Ileubündel . Hierzu sind Löcher in der Stalldecke . Jedes element hat einen besonderen Ausgang . Alle elemente sind der Länge nach im Inneren durch Thüren verbunden . Bei Feuersbrünsten ist somit die Rettung leicht ; anderseits kann man auch bei Kälte , tiefem Schnee etc . jederzeit vom Hausflur überall im Hause hingelangen , ohne das Haus , das schützende Dach , zu verlassen .
Die Giebel sind meist senkrecht ; Satteldächer ohne Walm ; hier und da abgestufte Giebelmauern , offenbar Nachahmung städtischer Bauweise . Oft ist das Wohnhaus mit Ziegeln , das angefügte Wirtschaftshaus mit schindeln gedeckt . Fachwerk ist nicht häufig , höchstens an den Giebeln der Scheuertracte oder auch im geschosse des Wohntracts verwendet . Die kühle , gelegene Baar hat naturgemäfs die Gewohnheit , massiv zu mauern , entwickelt . Je mehr man donauabwärts steigt , desto häufiger trifft man Fachwerk , welches des in der Gegend von Donauwörth wieder endet ] ) . Dann tritt nur Mauerwerk , an Holzbauten aber blofs Blockbau auf und jene leichte Art von Bretterwänden an Scheuern , welche offenbar ein Produkt moderner wickelung , aber über weite Länderstrecken verbreitet ist .
Blitzableiter , städtische Spitzenvorhänge innerhalb der Fenster und sonstige städtische Einrichtungen sind in der Baar und östlich davon die Regel . Das volk hat den bäuerlichen Charakter längst eingebüfst . Sie sehen wie Vorstädter aus und benehmen sich so .
Der Dünger liegt an der Strafse vor den Ställen . Daneben ist der Brunnen . In Dettingen , südwestlich von Ulm , ist gar der Schweinestall vor der Hausfront .
0 Ich habe an Ort und Stelle der Grenze des Fachbaues leider nicht genügende Aufmerksamkeit geschenkt . Obige Bemerkung entspricht einem unbestimmten Eindrücke , welchen mein Gedächtnis bewahrt hat . Andere mögen diese Sache genauer erheben . Ich will darauf nur aufmerksam machen .